Aspekte der Transformation ab 1989
Rund um den Mauerfall am 9. November 1989 reisen mehrere DDR-Psychotherapeuten zum DKPM-Kongress nach Gießen. Dort werden in Michael Geyers Erinnerungen aufgrund der tagesaktuellen politischen Lage Äußerungen über eine künftige Zusammenarbeit von ostdeutschen und westdeutschen Kongressteilnehmenden laut.
Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich in der BRD durch den dortigen Ärzteüberschuss insgesamt eine deutlich erkennbare Separation und Hierarchisierung zwischen Psychologen und Ärzten herausgebildet, die Ärzten weitreichende Befugnisse einräumte. So wurden die psychologischen Psychotherapeuten in der BRD erst 1971 als Behandler zugelassen, als ein Ärztemangel in der psychotherapeutischen Versorgung deutlich wurde. Die Indikationsstellung musste dabei allerdings weiterhin ärztlich erfolgen (Delegationsverfahren). Eine ähnliche Entwicklung zeigte sich in der DDR aufgrund des vorherrschenden Ärztemangels nicht. Bestrebungen nach einem Erstfacharzt für Psychotherapie hat es hier hingegen noch 1989 gegeben, deren Realisierung jedoch die politische Wende zuvorkam.
In beiden Staaten bildeten sich im Laufe der Jahrzehnte zudem unterschiedliche Versicherungssysteme mit verschiedenen Sondersystemen heraus, wobei der Anteil der Versicherten in der DDR infolge einer Mitgliedschaft aller Landesbewohner höher ist. Während in der BRD ein System mit niedergelassenen Behandlern entsteht, gibt es in der DDR primär Polikliniken mit Ambulanzen. In beiden Staaten besteht zum Zeitpunkt der Wende gleichwohl eine im internationalen Vergleich als umfangreich zu bewertende psychosomatische Versorgungsstruktur. Fachlicher Austausch ist bis dahin ebenfalls eingeschränkt möglich. Eine Studie zeigt auf, dass gerade in den Fachzeitschriften der DDR eine Zitation von BRD-Literatur erfolgte, auf der anderen Seite gab es hingegen kaum Publikationen. Nichtsdestotrotz durften DDR-Fachartikel überhaupt nur unter Zustimmung des Ministeriums für Gesundheitswesen in der BRD publiziert werden.
Diese beiden teils separierten Systeme wollen 1989 zusammenfinden: Direkt nach dem Mauerfall gilt im wiedervereinten Gesamtdeutschland zunächst noch die Psychotherapie-Richtlinie aus der BRD von 1987, in der zuletzt unter anderem die psychosomatische Grundversorgung geregelt wurde und ärztlichen Vertretern vorbehalten war. Dabei erfolgt im Rahmen des Einigungsvertrags sowie des Vertrags über die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion von 1990 eine Übernahme des BRD-Systems mit niedergelassenen Ärzten. Polikliniken und Betriebsambulatorien sollen weitgehend abgebaut werden. Rehabilitationseinrichtungen müssen in der ehemaligen DDR wiederum erst noch etabliert werden. Eine Versorgung von Patienten aus sozialen Gründen erfolgt nur noch in Psychiatrien oder im Rahmen sozialtherapeutischer Angebote. Ziel ist es, die Wiedervereinigung schnell umzusetzen, um wirtschaftliche und soziale Unsicherheiten möglichst gering zu halten und eine Abwanderung aus der ehemaligen DDR zu verhindern. In den ersten zwei Jahrzehnten nach der Wiedervereinigung zeigt sich insgesamt zumindest eine Angleichung der DDR-Versorgungslandschaft an die BRD-Versorgungsstruktur, allerdings nehmen in Gesamtdeutschland Psychiatriebetten zugunsten der Betten im Maßregelvollzug ab. In Westdeutschland gibt es insgesamt mehr Zwangseinweisungen psychiatrischer Patienten. Auch in der Ärztekammer erfolgt eine Integration der DDR-Ärzte: So erhalten diese beispielsweise in Ostberlin 1990 circa ein Drittel der Sitze.
In Geyers umfangreichem Werk zur Psychotherapie in der DDR kommen mehrere Akteure und Zeitzeugen zu ihren Erfahrungen während der Wendezeit zu Wort. Exemplarisch seien hier zwei Berichte angeführt: Der Psychiater Wolfgang Kruska erinnert sich heute noch, dass in der Nachwendezeit beispielsweise das Haus der Gesundheit in Berlin abgewickelt wurde, es aber auch durchaus Austausch und Interesse für einander gab, etwa in Form eines gemeinsamen Kennenlerntags 1990. Gerade die psychologischen Psychotherapeuten der DDR seien sehr von der Vereinigung der kassenärztlichen Kollegen der ehemaligen BRD unterstützt worden. Die Verhaltenstherapeutin Ilona Stoiber kann sich aber auch noch an irritierende Momente erinnern, in denen sie bemerkte, dass in der BRD teils wenig Kenntnis über die Verhaltenstherapie der DDR bestand und diese auf Pawlow reduziert wurde. Für weitere Zeitzeugenberichte sei auf Geyers Werk verwiesen.
1992 werden in Gesamtdeutschland der Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie eingeführt. 1999 folgt das Psychotherapeutengesetz mit einer erstmaligen Einführung der geschützten Berufsbezeichnungen Psychologischer Psychotherapeut und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut sowie der wissenschaftlichen Anerkennung der Richtlinienverfahren Analytische Psychotherapie, Tiefenpsychologische Psychotherapie und Verhaltenstherapie. 2018 wird die Systemische Psychotherapie als viertes Richtlinienverfahren vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) anerkannt. Das novellierte Psychotherapeutengesetz von 2019 regelt aktuell die Psychotherapieaus- und -weiterbildung bestehend aus einem spezifischen klinischen Masterstudium, auf das eine fünfjährige Psychotherapeutenweiterbildung zum Erwerb des Fachkundenachweises des jeweiligen Richtlinienverfahrens folgt.
Quellen und Literatur
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